Schlafmangel
Momentan gibt es auf der Welt ein sehr interessantes globales Experiment. Die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit werden untersucht. Chronischer Schlafmangel gehört dazu, die Gründe sind vielfältig. Oft wird zugunsten von Freizeit auf Schlaf verzichtet, aber auch Schichtbetrieb und extremer Stress können zu einer reduzierten Schlafdauer führen. Es ist egal, ob die kurze Schlafdauer zur Gewohnheit geworden ist, auf Dauer riskiert man seine psychische wie auch physische Gesundheit. Besonders betroffen sind das Herz-Kreislauf-System, der Hormonhaushalt, Blutzucker und das Reaktionsvermögen. Chronische Übermüdung hat auch wirtschaftlich gesehen drastische Folgen: mangelnde Motivation, schlechte Effizienz, Krankheit und Arbeitsunfälle. All das verursacht Kosten in Milliardenhöhe.
Schlafmangel macht dick und herzkrank, wie sich in einer Langzeitstudie zeigte. Weniger als sieben Stunden pro Nacht bringen Gewichtszunahme, Bluthochdruck und Diabetes. Bleibt man bei einem Schnitt von 7 – 8 Stunden, dann ist dies förderlich für das Idealgewicht. Zuwenig und interessanterweise auch zu viel Schlaf begünstigen die Gewichtszunahme. Der Kohlenhydratstoffwechsel gerät durcheinander, der Hormonspiegel des Hungerhormons Ghrelin steigt an und der körpereigene Appetitzügler Leptin schwindet im Gegenzug.
Die weiteren Folgen von chronischem Schlafmangel sind bisher nur zu erahnen – wie effektiv wären wir doch, wenn wir alle ausgeschlafen wären. Der Rekord für Schlafmangel – sprich am Stück wach bleiben – liegt übrigens bei elf Tagen. Zum Ende der Zeit wurden die Symptome einer schweren Psychose diagnostiziert. Aus heutiger Sicht ist dieser Versuch als stark gesundheitsgefährdend eingestuft und wird sicher nicht wiederholt werden. Aber auch schon geringe Mengen an Schlafdefizit haben deutliche Auswirkungen. Diverse Studien belegen, dass bei einem Standard von 8 Stunden schon 2 Stunden einen leistungsmindernden Effekt haben wie 2 – 3 Glas Bier. Vier Stunden Schlafverlust entsprechen ca. 5 Glas Bier, bleibt der Schlaf eine Nacht ganz aus, so entspricht das 10 Glas Bier. Bei lang anhaltender Schlaflosigkeit kommt es immer wieder zum gefürchteten Sekundenschlaf, der zwischen drei und zehn Sekunden anhält – was auf der Autobahn sicherlich problematischer ist als im Büro.
Eine interessante Erkenntnis aus der Schlafforschung ist die Tatsache, dass sich ein wiederholtes moderates Schlafdefizit von 1 – 2 Stunden pro Nacht summieren kann. Diese schleichende Übermüdung wird oft von den Betroffenen geleugnet, die Auswirkungen aber deutlich erkennbar. Vorschlafen und Nachschlafen, Schlaf wieder aufholen und das Schlafdefizit ausgleichen sind teilweise möglich, dauern aber länger, als den Schlafmangel zu verursachen. Gesünder ist ohne Zweifel eine Ausgewogenheit im Schlafzyklus.
Menschen schlafen heute im Durchschnitt eine Stunde weniger als noch vor hundert Jahren; der Umsatz an Beruhigungsmittel und Antidepressiva steigt jährlich um 10 %. Die meisten Menschen leiden an chronischem Schlafmangel – sie sind niemals richtig wach. Leider nimmt man auch hier immer nur den Unterschied wahr – nie die absolute Wachheit. Was erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, dass wenn man dauerhaft zu wenig schläft, die wahrgenommene Müdigkeit nicht in dem Maße steigt, wie die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Wir werden immer dümmer und merken es noch nicht einmal.
