Schlaf in anderen Gesellschaften
Unser Standard des nächtlichen Einphasenschlafes im eigenen Schlafzimmer wird von Medizinern häufig als physiologische Norm bezeichnet. Dennoch ist diese historisch wie international gesehen eher die Ausnahme. Neben unserer Monophasenschlafkultur gibt es in anderen Gesellschaften die Siesta-Kultur und die Nickerchen-Kultur.
In einer Siesta-Kultur ist neben dem Nachtschlaf eine weitere Ruhephase am frühen Nachmittag etabliert. Es schlafen nicht alle, aber das gesellschaftliche Leben kommt zum Erliegen. Ein Beispiel ist Spanien sowie verschiedene südamerikanische Länder, in denen nach einem langen Mittagsessen für einige Stunden Siesta gehalten wird. So wird zum einem dem menschlichen Biorhythmus Rechnung getragen, sowie die Mittagshitze umgangen. Die Siesta ist an die Mittagszeit gebunden und wird traditionell nur dann gehalten. Die Globalisierung wie auch der Einsatz moderner Technik zeigen aber auch hier ihre Wirkung. Die Zahl der Mittagsschläfer geht u.a. durch geänderte Arbeitsvorschriften, wie auch durch den Einsatz von Klimaanlagen in den letzten Jahren stetig zurück.
In China ist der Mittagsschlaf sogar in der Verfassung festgeschrieben. In Artikel 49 der Verfassung von 1950 hat der KP-Vorsitzende Mao Zedong das Recht des arbeitenden Volkes auf das Ausruhen festhalten lassen. Er institutionalisierte somit den jahrhundertealten Brauch des Mittagsschlafes. Nach Maos Tod wurde dies sowohl als Symbol traditioneller chinesischer Kultur, wie auch als Zeichen wirtschaftlicher Rückständigkeit interpretiert. Der Mittagsschlaf gehört auf dem Land zwar weiterhin zum Alltag, in den Städten sorgte der Kapitalismus aber für Abkehr von der mittäglichen Ruhepause.
Taiwan hat mit gleichen kulturellen Wurzeln, aber einer anderen politischen Entwicklung einen sehr offensiven Umgang mit dem Mittagsschlaf. Ab der Grundschule wird nach dem Essen für zehn Minuten gedöst, auch in der Arbeitswelt wird nachmittags am Schreibtisch geschlafen.
Die fest an die Mittagszeit gebundene und langsam aussterbende Siesta-Kultur ist genauso zu beobachten, wie die seit der Jahrtausendwende aufblühende Nickerchen-Kultur. In ihr gibt es ein hohes Maß an Toleranz gegenüber dem individuellen Bedürfnis nach einem Nickerchen, wenn es auch keine offizielle Ruhepause zu einem festgelegten Zeitraum gibt. Das Nickerchen kann immer dann gemacht werden, wenn es die Umstände erlauben (durchaus unterschiedlich in den verschiedenen Ländern) und man müde ist. Die Nickerchen-Kultur wird unterteilt in zwei Varianten. In einer Variante zieht man sich für das Nickerchen zurück, in der anderen döst man in der Öffentlichkeit. Dies kann während einer Zugfahrt sein, im Konzert, im Meeting oder während des Abendessens. Als prägnanteste Beschreibung trifft hier das japanische Wort „Inemuri“ – Anwesenheitsschlaf zu.
Wie sich eine Schlafkultur entwickelt, ist zum Teil klimatisch, zum Teil aber auch historisch zu erklären. Ausschlaggebend ist aber der Bedarf des Körpers nach Regeneration, welcher sich über den Tag und in Abhängigkeit davon verändert, welche Belastungen auf den Körper wirken.
