Chronobiologie
„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, heißt es für die einen, „der frühe Vogel kann mich mal“, für die anderen. Was aber ist der Unterschied zwischen den Morgenmuffeln und denen, die morgens um 5 Uhr aufstehen und ab 6 Uhr Höchstleistungen vollbringen? Was undenkbar für die einen, ist die effiziente Realität der anderen.
Den Grund dafür hat die Wissenschaft in den Genen der Menschen gefunden. Unterscheiden kann man drei Typen: den zahlenmäßig dominierenden Normaltyp, auf Platz 2 die sogenannten Eulen und auf Platz 3 die Lerchen.
Die Eule wird dadurch gekennzeichnet, dass sie später munter wird und abends länger fit bleibt. Die Lerche kennzeichnet eine frühe geistige und körperliche Fitness, einhergehend mit dem Drang, früh ins Bett zu gehen.
Wie aber funktioniert das genau? Kann man sich an das eine oder andere gewöhnen? Und wie verändert sich dieser Rhythmus über den Lebenszyklus des Menschen?
Vorweg eine einfache aber zentrale Tatsache: Man kann seinen eigenen Chronotypen nicht ändern, bzw. sich an etwas anderes gewöhnen. Dies liegt in den Genen begründet. Um auf Dauer effektiv zu arbeiten und in seine eigenen Rhythmus zu sein ist es notwendig, die Arbeitszeiten der eigenen Biologie anzupassen. Das dem Arbeitgeber zu erklären ist insofern einfach, als die eigene Produktivität, Kreativität und Gesundheit bei Chronotypen-gerechtem Arbeiten optimal ist. Jemanden im permanenten Jetlag arbeiten zu lassen ist nicht im Sinne des Erfinders und kann nicht im Sinne des Unternehmers sein.
Der Körper des Menschen wird von inneren Zeitgebern gesteuert, welche in jeder Zelle zu finden sind. Die zentrale Steuerung erfolgt über eine „Masteruhr“ im Gehirn, die über das Sonnenlicht getaktet wird. Morgenlicht stellt die innere Uhr vor, Abendlicht nach. Will man auf diese Taktung bewusst Einfluss nehmen, so ist aber mehr erforderlich, als eine 100-Watt-Lampe. Gemessen wird die Helligkeit in Lux. Ein Innenraum kommt meist nur auf 100-200 Lux. Draußen ist es aber selbst an einem bewölkten Tag 10 000 Lux hell, bei Sonnenschein sogar mehr als 100 000 Lux. So genannte Lichtduschen mit 10 000 Lux können im Winter bei der Taktung helfen. Ein Lichtwecker, der einen Sonnenaufgang simuliert, kann eine gute Alternative zum piependen Handy sein.
Die inneren Zeitgeber bestimmen die Aktivität, Ressourcen und Möglichkeiten des eigenen Körpers über die 24 Stunden eines Tages hinweg. Das heißt, dass unsere innere Uhr unseren gesamten Stoffwechsel steuert und an den Tagesrhythmus anpasst. Den Anfang macht die nächtliche Kortisol-Ausschüttung, um den Körper auf Touren zu bringen. Bleibt diese aus, weil es für die innere Uhr noch nicht an der Zeit ist, schläft der Körper noch beim Aufwachen. So sind Morgenmuffel zu erklären, der Körper braucht noch seine Zeit. Angesteuert werden außer dem Schlaf-wach-Rhythmus der Blutdruck, die Herzfrequenz, die Körpertemperatur und der Hormon-Level. Beeinflusst werden dadurch u.a. die Konzentrationsfähigkeit, die Muskelkraft und die Sehschärfe.
Bei Eulen tickt die innere Uhr langsamer als normal, ein Tag ist eigentlich erst nach 25 Stunden beendet. Es folgen die Probleme, die auftreten, wenn die Armbanduhr zu langsam geht – man kommt zu spät. Bei Lerchen ist die innere Uhr beschleunigt, der Tag ist schon nach 23 Stunden beendet. Der Tag ist früher beendet und fängt entsprechend auch früh wieder an.
Für Eulen wie für Lerchen ergeben sich eine Reihe von Problemen. Besonders Eulen leben in einem permanenten Jetlag, das Schlafdefizit, was sich von Tag zu Tag ansammelt, muss am Wochenende ausgeglichen werden.
Eine weitere Beobachtung ist spannend. Über die Lebensspanne verändert sich die innere Taktung. Kleine Kinder und ältere Menschen sind Lerchen, die innere Uhr zwingt sie aus dem Bett. Jugendliche zählen zu den klassischen Eulen und kommen kaum aus den Federn. Dies ist ein Grund für die Forderung, die Schule in den höheren Jahrgängen ein bis zwei Stunden später anfangen zu lassen. Erst ab dem 20. Lebensjahr normalisiert sich dies auf den Chronotypen, welcher sie bis ins Alter sein werden.
Die Kenntnis des Chronotypen ist von immenser Bedeutung für die eigene Leistungsfähigkeit und in der Folge auch für die eigene Arbeit. Ein offensiver Umgang mit den eigenen Stärken ist dabei besser, als ein langes Arbeitsleben im Jetlag.
